Wir brauchen keine weitere Regulierung

WIESBADEN Eberhard Flammer, scheidender Präsident des Hessischen Industrie- und Handelskammertages, über Konjunktur, Klimaschutz und künftige Koalitionen.
F.A.Z., 03.11.2021, Wirtschaft (Rhein-Main-Zeitung), Seite 34 - Ausgabe R-DA, R-WI, R-MK, R-HT, R-F,  Manfred Köhler
Wie geht es der hessischen Wirtschaft?
Das Bild ist nach wie vor gespalten. Der Einzelhandel und die Gastronomie, die Hotellerie und die Großveranstalter sind schwer gebeutelt und laufen immer noch nicht auf vollen Touren. Die Industrie zeigt zum Teil Zeichen einer Überlastung, erlebt aber auch Störungen der Lieferketten. Ähnliches sehen wir im Bau. Etlichen Industrieunternehmen geht es wirklich gut. Ich habe von einigen gehört, dass sie gerade das beste Geschäftsjahr aller Zeiten erleben.
Und Ihre Prognose für 2022?
Ich glaube, dass der Knoten sich allmählich löst, sehe aber, dass wir in eine politisch induzierte Inflation hineinlaufen. Das bringt Nachteile für die Wirtschaft, insbesondere für Einzelhandel und Gastgewerbe.
Und der Frankfurter Flughafen?
Der Luftverkehr ist enorm wichtig für Hessen. Ich kann mir vorstellen, dass er im Laufe des nächsten Jahres zwei Drittel bis vier Fünftel des Vorkrisenniveaus erreicht.
Wie blicken Sie auf die Koalitionsverhandlungen in Berlin?
In bin froh, dass Rot-Rot-Grün an uns vorbeigegangen ist. Das Wahlergebnis ermöglicht eine ausgewogene Politik für Deutschland. Die Hoffnung ist, dass wir keinen überregulierenden und überversorgenden Staat bekommen. Bei der Verwirklichung der Klimapolitik dürfen wir die Beschäftigung nicht aus dem Auge verlieren.
Mit Blick auf die Weltklimakonferenz in Glasgow: Wie steht denn die hessische Wirtschaft in Sachen Klimaschutz da?
Wir sind sehr proaktiv. Aber wir müssen uns ehrlich machen: All das wird nicht ohne Wohlstandsverluste zu haben sein. Wir wickeln Spitzentechnologien ab und haben gleichzeitig eine zeitliche Lücke, bis die neuen Technologien, etwa in der Fahrzeugtechnik, greifen.
Im Verkehr ist es bisher aber auch nicht gelungen, die Kohlendioxid-Emissionen zu senken.
Zwei Drittel der Emissionen dort kommen vom Schwerlastverkehr. Die Industrie wird in der Lage sein, bis etwa 2030 einen erheblichen Teil der Lastwagen auf Elektroantriebe oder solche mit Wasserstoff umzustellen. Beim Autoverkehr hängt es vor allem von der Bereitstellung grünen Stroms ab.
In der Umweltpolitik wirkt die Wirtschaft nicht als Antreiber.
Vielleicht sind wir nicht stark genug im Erklären dessen, was wir längst tun. Die Industrie hat ihre Emissionen seit 1990 um ein Drittel gesenkt und die Produktion zugleich um die Hälfte gesteigert. Das ist eine starke Leistung. In meinem eigenen Betrieb habe ich den Energieeinsatz pro Verkaufseinheit halbiert.
Können hohe CO2-Preise der Wettbewerbsfähigkeit schaden?
Ohne eine Bepreisung von CO2 wird es nicht gehen. Wir hoffen, dass eine CO2-Bepreisung mit Mengensteuerung flächendeckend in Europa umgesetzt wird. Europa steht immerhin für 61 Prozent unserer Wertschöpfung. Das wäre ein Anfang. Und es gibt ja auch Diskussionen, CO2-trächtige Importe auszusteuern, um Carbon Leakage zu vermeiden.
Welche Wünsche haben Sie denn für 2022 an die Politik?
Erst einmal dürfen wir nicht ständig von der Politik etwas Neues verlangen, sondern müssen uns an die eigene Nase fassen. Wir müssen noch besser erklären, dass Wirtschaft vor allem bedeutet, Arbeitsplätze zu schaffen und Steuern zu zahlen. Dafür brauchen wir mehr Marktwirtschaft, nicht mehr Regulierung. Das öffentliche Geld sollte vermehrt in Infrastruktur, Digitalisierung und Förderung von Zukunftstechnologien fließen. Speziell für Hessen wünschen wir uns eine viel ambitioniertere Verkehrspolitik. Sie ist wichtig für ausgeglichene Lebensverhältnisse in Stadt und Land.
Was meinen Sie konkret?
Die Schienenwege sind überlastet. Die Züge sind deshalb kein verlässliches Verkehrsmittel, die Leute fahren deshalb mit dem Auto. Wir möchten zum Beispiel, dass die Eisenbahnstrecke von Frankfurt über Gießen und Marburg nach Kassel drei- bis viergleisig ausgebaut wird. Fertigstellung gleichzeitig mit dem Fernbahntunnel in Frankfurt.
Das kann dauern.
Heute sind leider fast alle Vorhaben Generationenprojekte. Die Komplexität der Genehmigungs- und Planungsprozesse ist auch für Fachleute kaum noch zu überblicken. Ein Blick in andere Länder zeigt: Es geht besser, auch mit viel Einbindung der Bevölkerung. Dieses Thema ist die Messlatte der künftigen Bundesregierung.
Brauchen wir noch neue Autobahnen?
Ja, und wir sind sehr froh, dass die A 49 vollendet wird. Marburg ist eines der am schlechtesten angebundenen Oberzentren Deutschlands. Das darf nicht sein, wenn wir Hessen als vernetzten Wirtschaftsraum entwickeln wollen. Wir brauchen den Lückenschluss der A 66 auf die A 661 mit dem Riederwaldtunnel zur dringend gebotenen Entlastung des Frankfurter Ostens, und wir warten auf den Lückenschluss der A 44 in Nordhessen.
Ihre Zeit als erster Präsident des Hessischen Industrie- und Handelskammertages geht zu Ende. Sie wollen bei der Mitgliederversammlung nicht neuerlich kandidieren?
Es ist der richtige Zeitpunkt. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Wir haben im Team mit dem bisherigen Geschäftsführer Robert Lippmann einiges erreicht, der HIHK ist eine ausbalancierte Stimme der Wirtschaft, wir werden wahrgenommen und haben eine hohe Glaubwürdigkeit. Für den fairen Umgang der Landespolitik mit uns kann ich mich nur bedanken, auch da, wo wir nicht die gleiche Meinung haben.
Welche Themen waren Ihnen wichtig?
Aus- und Weiterbildung, die Fachkräftesicherung und die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in ganz Hessen. Da sind noch kräftige Maßnahmen der Landesregierung notwendig. Bei der beruflichen Bildung ist es uns enorm wichtig, die Gleichwertigkeit der akademischen Weiterbildung und der beruflichen Ausbildung in den Köpfen zu verankern. Wir dürfen keinen einzigen jungen Menschen zurücklassen. Wegen der demographischen Entwicklungen drohen uns Hunderttausende Fachkräfte verlorenzugehen.
Wird es Ihnen langweilig sein, wenn Sie nicht mehr Präsident des HIHK sind?
Keine Stunde. Ich komme aus einer Unternehmerfamilie, die seit 1871 pausenlos aktiv ist. Ein Unternehmen wird man nie an die Garderobe hängen.
Die Fragen stellte Manfred Köhler.
Unternehmer und erster HIHK-Präsident
Als 2017 der Hessische Industrie- und Handelskammertag gegründet wurde, wählten die Mitglieder Eberhard Flammer zu ihrem ersten Präsidenten. Bis dahin  hatte es nur einen losen Zusammenschluss der zehn regionalen Kammern in einer Arbeitsgemeinschaft gegeben; auch dieser Organisation hatte zuletzt schon Flammer vorgestanden. Er ist seit 2014 Präsident der Industrie- und Handelskammer Lahn-Dill. Wer dem Achtundsechzigjährigen an der Spitze des HIHK folgt, wird sich bei der Mitgliederversammlung am 17. November entscheiden. Vizepräsidenten sind Kirsten Schoder-Steinmüller, die der IHK Offenbach vorsteht, und der Wiesbadener IHK-Präsident Christian Gastl.
Flammer ist Geschäftsführer der Elkamet Kunststofftechnik GmbH in Biedenkopf. Das Familienunternehmen ist in den vergangenen vier Jahrzehnten von 170 auf 1300  Beschäftigte gewachsen, von denen die meisten am Stammsitz tätig sind, aber 100 in Nordrhein-Westfalen und 300 an Standorten in den Vereinigten Staaten, Tschechien und China. Flammer hebt hervor, dass in diesen 40 Jahren 520 junge Leute eine Berufsausbildung absolviert haben. Das Unternehmen stellt unter anderem für die meisten Autohersteller Kunststoffprofile für Fensterscheiben her und Tanks für Motorräder, zum Beispiel für BMW. mak.

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