Niedrigwasser gefährdet Wettbewerbsfähigkeit des Standorts

Hessische IHKs fordern schnelle Maßnahmen

Wiesbaden, 13. August 2026
Historisch niedrige Pegelstände entlang des Rheins setzen die Wirtschaft zunehmend unter Druck. Eine Blitzumfrage der Industrie- und Handelskammern entlang des Rheins unter mehr als 150 überwiegend industrie- und logistiknahen Unternehmen zeigt: Drei Viertel der Unternehmen sind bereits von den Folgen des Niedrigwassers betroffen, die Situation verschärft sich weiter. Der Hessische Industrie- und Handelskammertag (HIHK) sieht im Spitzentreffen, das Bundesverkehrsminister Steffen Bilger am 6. August 2026 einberufen hat, einen guten Auftakt für die Einrichtung einer dauerhaften Niedrigwasser-Taskforce. Gleichzeitig fordert der HIHK deutlich höhere Investitionen in die Wasserstraße Rhein.
„Der Rhein ist die wichtigste Wasserstraße Deutschlands und eine zentrale Lebensader für die hessische Wirtschaft. Wenn Schiffe ihre Ladung nur noch eingeschränkt transportieren können, hat das unmittelbare Auswirkungen auf Industrie, Handel und Logistik in unserer Region“, sagt Ulrich Caspar, Vizepräsident des HIHK.
Viele Unternehmen entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse müssen ihre Transporte bereits umorganisieren. Güter werden auf mehrere Schiffe verteilt oder auf Straße und Schiene verlagert. Dies führt zu erheblichen Mehrkosten und belastet die ohnehin angespannten Lieferketten. Erschwerend kommt hinzu, dass freie Transportkapazitäten aufgrund des zunehmenden Mangels an Lkw-Fahrern und der noch bis Dezember 2026 laufenden Korridorsanierung der für den Güterverkehr wichtigen rechtsrheinischen Bahnstrecke zwischen Wiesbaden und Troisdorf nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen.
„Niedrigwasser am Rhein ist längst kein regionales Problem mehr. Auch Unternehmen in Hessen, die nicht unmittelbar am Rhein liegen, sind über Lieferketten, Zulieferbeziehungen und Transportwege von den Folgen betroffen. Die Auswirkungen treffen Wertschöpfungsketten in ganz Deutschland und Europa. Unsere Mitgliedsunternehmen erleben erneut, wie verwundbar ihre Logistikstrukturen bei extremen Niedrigwasserlagen sind. Bund und Länder sollten darauf gemeinsam und dauerhaft reagieren. Eine Niedrigwasser-Taskforce als dauerhafte Einrichtung ist aus unserer Sicht ein geeigneter Rahmen dafür“, so Caspar weiter.
Die hessischen IHKs fordern gemeinsam mit den weiteren Industrie- und Handelskammern entlang des Rheins eine deutlich stärkere finanzielle Ausstattung der Wasserstraßeninfrastruktur. Laut bundeseigener Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung sind Investitionen von mindestens 2,5 Milliarden Euro jährlich erforderlich, um die Leistungsfähigkeit der Bundeswasserstraßen langfristig zu sichern.
„Im Hinblick auf den Rhein sollten in erster Linie der Ausbau und die Optimierung der Fahrrinne sowie die Modernisierung der Infrastruktur angegangen werden“, sagt Caspar. „Die Erreichbarkeit unserer Mitgliedsunternehmen ist ein entscheidender Standortfaktor. Ein leistungsfähiger Rhein ist für die Versorgung der Industrieunternehmen ebenso wichtig wie für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands insgesamt. Aus Sicht der hessischen IHKs braucht es ein koordiniertes Vorgehen von Bund, Ländern, Wirtschaft, Wasserstraßenverwaltung und Häfen, um diese Situation zu bewältigen. Wir setzen auf ein entschlossenes Handeln statt weiteres Abwarten. Eine Lockerung des Sonn- und Feiertagsfahrverbots wie jetzt für Hessen erfolgt, ist ein Tropfen auf den heißen Stein, nicht aber die langfristige Lösung, die es braucht.“

Die Umfrage der IHKs entlang des Rheins verdeutlicht das Ausmaß der Belastung:
  • 78 Prozent der Unternehmen berichten von höheren Kosten.
  • 72 Prozent mussten ihre Logistikprozesse anpassen.
  • Fast jedes dritte Unternehmen schränkt die Produktion ein.
  • Sechs Prozent haben Produktionsprozesse bereits zeitweise gestoppt.
  • 13 Prozent sehen ihren Standort mittel- bis langfristig gefährdet.
Besonders stark steigen die Logistikkosten. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen meldet Kostensteigerungen von mindestens 25 Prozent. Bei knapp einem Drittel liegen die zusätzlichen Kosten sogar bei 50 Prozent oder mehr.
Zudem könnten die aktuellen Erfahrungen langfristige Folgen haben: Rund ein Drittel der Unternehmen plant künftig eine Verlagerung von Transporten auf andere Verkehrsträger, während etwa ein Viertel Anpassungen bei der Lagerhaltung prüft.

Hintergrund zur Umfrage
Die Unternehmensbefragung der Industrie- und Handelskammern entlang des Rheins wurde vom 29. Juli bis 4. August durchgeführt. Mehr als 150 Unternehmen unterschiedlicher Größenklassen beteiligten sich. Über drei Viertel der teilnehmenden Betriebe stammen aus den Bereichen Industrie und Logistik.