Konjunktur in Hessen: Frühsommer 2026
Geschäftsklima rutscht deutlich ab – Erwartungen stark eingetrübt
Wiesbaden, 21. Mai 2026
Die wirtschaftliche Stimmung in Hessen hat sich im Frühsommer spürbar verschlechtert. Das zeigt die aktuelle Konjunkturumfrage des Hessischen Industrie- und Handelskammertags (HIHK). Der Geschäftsklimaindex sinkt von 95 auf 86 Punkte und damit deutlich unter die 100 Punkte-Grenze, die die Schwelle zum Wachstum markiert. Zuletzt erreicht wurde dieser Wert mit 103 Punkten in der Herbstumfrage 2023.
Sowohl die Bewertung der aktuellen Lage als auch die Erwartungen der Unternehmen geben nach – insbesondere der Blick nach vorn trübt sich deutlich ein.
Der Saldo der aktuellen Geschäftslage fällt von null auf minus fünf Punkte. Noch ausgeprägter ist der Rückgang bei den Erwartungen: Der Saldo der erwarteten Geschäftslage sinkt von minus zehn auf minus 23 Punkte. Damit weisen die Unternehmen mehrheitlich auf eine anhaltend schwierige konjunkturelle Entwicklung hin.
HIHK‑Geschäftsführer Frank Aletter ordnet die Ergebnisse klar ein: „Die aktuellen Ergebnisse sind ein deutliches Warnsignal: Wenn Erwartungen so deutlich nachgeben, ist das kein kurzfristiger Ausreißer, sondern Ausdruck wachsender Unsicherheit im betrieblichen Alltag. Unternehmen fahren Investitionen zurück, planen beim Personal vorsichtiger und blicken deutlich skeptischer auf das Exportgeschäft. Jetzt braucht es verlässliche wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen: weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und echte Entlastungen vor allem, damit Betriebe wieder Planbarkeit und Spielraum für Zukunftsinvestitionen bekommen.“
Stimmungseintrübung in nahezu allen Branchen
Im Branchenvergleich zeigt sich überwiegend eine deutliche Eintrübung gegenüber der vorherigen Umfrage. In der Industrie sinkt der Geschäftsklimaindex von 88 auf 86 Punkte. Während sich der Saldo der aktuellen Lage leicht von minus 14 auf minus acht Punkte verbessert, verschlechtern sich die Erwartungen von minus elf auf minus 20 Punkte.
Die Baubranche bewertet ihre Situation spürbar schlechter. Der Geschäftsklimaindex fällt von 99 auf 90 Punkte. Der Saldo der aktuellen Geschäftslage geht von neun auf zwei Punkte zurück, die Erwartungen für die kommenden Monate brechen von minus zehn auf minus 21 Punkte ein.
Auch der Handel verzeichnet einen klar negativen Trend. Der Geschäftsklimaindex sinkt deutlich von 83 auf 69 Punkte und bildet damit erneut das Schlusslicht unter den betrachteten Branchen.
Die Dienstleistungsbranche zeigt die stärkste Veränderung gegenüber der Befragung zum Jahresbeginn: Der Geschäftsklimaindex fällt markant von 103 auf 91 Punkte.
Investitionen, Beschäftigung und Export unter Druck
Die insgesamt negative Entwicklung schlägt sich zunehmend in den unternehmerischen Planungen nieder. Der Investitionssaldo verschlechtert sich von minus neun auf minus 14 Punkte. Auch die Beschäftigungsabsichten gehen weiter zurück: Der entsprechende Saldo sinkt von minus zehn auf minus 16 Punkte. Besonders deutlich fällt der Rückgang bei den Exporterwartungen aus – hier sinkt der Saldo von minus sieben auf minus 22 Punkte.
Energie- und Rohstoffpreise rücken stark in den Fokus
Bei den Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung ist eine markante Verschiebung zu beobachten. Das Risiko der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen bleibt mit 63 Prozent Nennungen unverändert auf Platz eins. Neu auf Platz zwei rücken die Energie- und Rohstoffpreise mit 61 Prozent – ein Plus von 18 Prozentpunkten gegenüber der letzten Umfrage. Das Risiko der Inlandsnachfrage folgt mit 59 Prozent auf Platz drei.
Frank Aletter sieht hier neben strukturellen Belastungen auch zusätzliche Verunsicherung: „Dass die Energie- und Rohstoffpreise in der Risikowahrnehmung so stark nach oben rücken, zeigt: Die Kostenfrage ist zurück im Zentrum – und sie trifft die Unternehmen in einer Phase ohnehin schwacher Nachfrage. Zusätzliche Unsicherheiten an den Energiemärkten, etwa durch die Lage im Nahen Osten, wirken dabei als Preistreiber – vor allem über spürbar gestiegene Treibstoffkosten bei fossilen Energieträgern. Solche Sprünge lassen sich vielerorts nicht mehr seriös kalkulieren; sie drücken Margen, bremsen Investitionen und verzögern die Transformation. Wir brauchen deshalb endlich wettbewerbsfähige und verlässlich planbare Energiepreise: niedrigere staatliche Preisbestandteile, mehr Tempo beim Netzausbau und eine Politik, die Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit konsequent zusammendenkt. Nur dann können Betriebe wieder investieren, statt nur Schadensbegrenzung zu betreiben.“
Hintergrund: Der Hessische Industrie- und Handelskammertag informiert in seinen Konjunkturberichten dreimal jährlich über die aktuelle Lage der hessischen Unternehmen und deren Erwartungen hinsichtlich Geschäftsentwicklung, Investitionen und Beschäftigung. Die Ergebnisse basieren auf Angaben von rund 2.200 Mitgliedsunternehmen aus Industrie, Bau, Handel und Dienstleistungssektor und bilden einen repräsentativen Querschnitt der hessischen Wirtschaft nach Branche, Größe und Standort ab. Die Befragung wurde im Zeitraum vom 21. April bis 8. Mai 2026 durchgeführt. Weitere Ergebnisse – auch zu einzelnen Branchen – werden im ausführlichen HIHK‑Konjunkturbericht veröffentlicht, der voraussichtlich Mitte Juni erscheint.
