"Die Fachkräftelücke ist riesig" - HIHK-Präsidentin im FAZ-Interview

F.A.Z., 28.12.2021, Wirtschaft (Rhein-Main-Zeitung), Seite 33

WIESBADEN Bürokratie, Wettbewerbsnachteile, Corona: Die hessische Industrie steckt in einer schwierigen Lage, wie die neue HIHK-Präsidentin Kirsten Schoder-Steinmüller im Interview erklärt. Und nun kommen noch zwei Probleme hinzu.

Frau Schoder-Steinmüller, wenn Sie den im Koalitionsvertrag fixierten Vorhaben der neuen Bundesregierung eine Schulnote geben müssten, welche wäre das?
Befriedigend, eine Drei.
Was fehlt zu gut oder sehr gut?
Steuerliche Entlastungen und mehr Spielräume für private Investitionen in Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Außerdem bleibt vage, wie die Bundesregierung angesichts der Klimaschutz-Vorhaben die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft absichern will.
Was ist positiv?
Zum Beispiel die angestrebte Halbierung der Dauer von Planungs- und Genehmigungsverfahren. Einige Ansätze zur Digitalisierung machen uns Hoffnung. Unternehmensgründungen sollen innerhalb von 24 Stunden möglich werden. Auch die Verbesserungen bei der Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte begrüßen wir.
Sie stehen seit ein paar Tagen an der Spitze des Hessischen Industrie- und Handelskammertages (HIHK). Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen dieser Rolle als Funktionärin und der Leitung Ihres mittelständischen Betriebs in Langen?
Das ist ein täglicher Spagat, aber er gelingt gut. Ich leite ein 1924 von meinem Großvater gegründetes Familienunternehmen aus der Metallverarbeitung. Wir sind Zulieferer für Automotive, den Maschinenbau und die Druckmaschinenindustrie. Ich habe mich schon vor Jahren mit der Kandidatur bei der IHK Offenbach für das Ehrenamt entschieden. Ich möchte etwas zurückgeben. Zumal eine meiner drei Töchter seit fünf Jahren im Unternehmen tätig ist.
Also ist die Nachfolge gesichert? Das ist nicht selbstverständlich.
Sie haben recht, und deshalb bin ich sehr froh, dass die Nachfolge bei uns geklärt ist. In Hessen stehen in den nächsten vier Jahren 11 500 mittelständische Betriebe vor der Übergabe. Jeder dritte findet die Nachfolger nicht in der Familie oder unter den Mitarbeitern. Während die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, nimmt die Zahl potentieller Nachfolger ab. Diese Nachfolgelücke und der Fachkräftemangel sind in der hessischen Wirtschaft angekommen.
Wie spüren Sie das konkret in Ihrem Betrieb?
Wir haben eine sehr beständige Belegschaft, doch zuletzt habe ich durchschnittlich zwei bis drei Mitarbeiter pro Jahr durch Ruhestand verloren. Es ist unheimlich schwierig geworden, diese Fachkräfte zu ersetzen. Dabei spreche ich von Werkzeugmechanikern oder aktuell von einem Mitarbeiter für die Qualitätssicherung.
War das vor zehn Jahren anders?
Ja, die Situation am Arbeitsmarkt hat sich verschärft, und gerade kleine und mittelständische Betriebe leiden darunter. Deshalb bin ich ein großer Verfechter der Dualen Ausbildung und möchte sie gestärkt sehen. Junge Menschen stehen dabei früh auf eigenen Beinen, gehen vielfältige Karrierewege und haben große Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Leider werden die berufliche und die akademische Bildung noch zu wenig als gleichwertig betrachtet.
Das ist ein Imageproblem.
Ja, und das Problem hat sich durch die Pandemie verstärkt. Seit zwei Jahren gibt es deutlich weniger Berufsorientierung in Schulen, Praktika sind kaum möglich. Die Zahl neuer Ausbildungsverträge ist trotz aller Anstrengungen rückläufig. Das reicht mit Blick auf den Fachkräftebedarf nicht. Bis 2035 könnten in Hessen zusammengerechnet 495 000 Fachkräfte fehlen - in einem Bundesland mit sechs Millionen Einwohnern. Die Lücke, die hier aufreißt, ist riesig. Wir brauchen Mitarbeiter, die die Transformation bewältigen, die uns mit Blick auf Digitalisierung und Nachhaltigkeit erwartet.
Was fordern Sie?
Die qualifizierte Zuwanderung aus dem Ausland und die Aktivierung des gesamten Fachkräftepotentials. Dazu gehört auch die weitere Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die hessische Wirtschaft engagiert sich außerdem stark bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Aktuell beginnen 550 Geflüchtete eine Ausbildung bei hessischen IHK-Unternehmen. Viele Betriebe helfen dabei, die Deutschkenntnisse zu verbessern. In meinem Betrieb hat ein Geflüchteter seine Ausbildung zum Maschinenanlagenführer erfolgreich absolviert und ist nun fest angestellt. Die Praxis zeigt aber auch: Vielfach stehen enorme bürokratische Hürden einer Ausbildung und Beschäftigung von Geflüchteten im Weg. Wir mussten einen Anwalt einschalten, damit die Aufenthaltserlaubnis nach der Ausbildung genehmigt wird. Hier müssen dringend bürokratische Hürden abgebaut werden.
Sie sind seit 2003 Geschäftsführerin Ihres Betriebs. Ist es schwieriger geworden seitdem, ein mittelständisches Unternehmen zu führen?
Es gab immer Hürden. Aber aktuell ist die Leitung sehr herausfordernd. Ich war selbst einige Jahre in Südostasien und habe erlebt, welcher Tatendrang dort herrscht, wie viel in Forschung und Entwicklung investiert wird. Da wirkt es manchmal wie ein Kulturschock, wenn man sich in Deutschland stundenlang über die Feinheiten der Datenschutzgrundverordnung den Kopf zerbricht.
Bleibt mit Blick auf viele bürokratische Anforderungen in mittelständischen Unternehmen noch Zeit, sich neuen Themen wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit zuzuwenden?
Die hessische Wirtschaft ist sehr aktiv bei Nachhaltigkeit und Digitalisierung, das will ich vorwegschicken. Aber es stimmt: Die Kapazitäten werden durch Bürokratie stark eingeschränkt. Das ist ein Wettbewerbsnachteil gegenüber Standorten in den USA und Asien. Auch dort werden Ziele zum Klimaschutz zunehmend ernst genommen. Aber der bürokratische Druck lastet nach meinem Eindruck nicht so stark auf den Unternehmen.
Zurück zum Koalitionsvertrag: Sehen Sie einen Bürokratieabbau?
Es könnte mehr sein. Aber wir begrüßen ausdrücklich, dass die Planungs-und Genehmigungsverfahren digitalisiert und deutlich beschleunigt werden sollen.
Fachkräftemangel, bürokratische Hürden, Wettbewerbsnachteile: Das klingt nach durchwachsenen Aussichten für die hessischen Betriebe, und nun kommen auch noch Lieferengpässe hinzu.
Die hessische Wirtschaft bleibt voller Tatendrang. Etwas anderes bleibt uns auch nicht übrig. Trotzdem bereiten uns die Lieferengpässe in Verbindung mit der Inflation Sorgen. In meinem Betrieb erreichen mich derzeit oft Preiserhöhungen im zweistelligen Bereich. Manche der Versorgungsprobleme sind aber strukturell. Wir haben in Deutschland und Hessen Produktionskapazitäten abgebaut. Ein Beispiel ist Aluminium, das wir in meinem Betrieb stark verarbeiten. Der weltweite Bedarf an Aluminiumkernen liegt bei 63 Millionen Tonnen. Davon wird nur noch eine halbe Million Tonnen in Deutschland hergestellt, weil es hier zu teuer wurde. Das können Sie mit anderen Rohstoffen und Produkten fortsetzen. Damit begeben wir uns in Abhängigkeiten, die wir nicht mehr beeinflussen können.
Auf welche Produkte warten Sie in Ihrem Betrieb?
Wir arbeiten für einen Batteriehersteller. Für die Leitfähigkeit der Materialien brauchen wir Kupfer, das derzeit kaum oder nur zu sehr hohen Kosten zu bekommen ist. Selbst Verpackung ist ein Problem.
Blicken wir auf die Corona-Krise: Welche Spuren wird sie in der hessischen Wirtschaft hinterlassen?
Bis in den Herbst hinein hatte eine deutliche Erholung eingesetzt. Nun zeigt sich wieder eine Zweiteilung: In der Industrie und im Bau läuft es abgesehen von den Lieferschwierigkeiten gut. Im Handel, im Gastgewerbe, bei den Veranstaltern, in der Kultur je nach Geschäftsmodell oft schlecht. Im stationären Einzelhandel sorgt die 2-G-Regel für Wettbewerbsverzerrungen, deren Folgen immens sind. Der kleine Schuh- oder Spielwarenladen darf mitten im Weihnachtsgeschäft nur unter hohem Kontrollaufwand öffnen, während die Grundversorger allen Kunden offenstehen. Hier sollte die Landesregierung dringend nachbessern. Alle Läden in Hessen sollten wieder uneingeschränkt öffnen dürfen, natürlich mit Maske und Abstand. Der gesamte Einzelhandel ist kein Infektionstreiber.
Wie viele Betriebe kennen Sie, die es nicht geschafft haben?
Leider zu viele. Die meisten Betroffenen schuften und hoffen, dass es endlich vorübergeht. Ich kenne Unternehmer, die längst an ihre Altersvorsorge gegangen sind, um den Betrieb zu retten.
Was sind Ihre Ziele an der Spitze des HIHK?
Neben der Stärkung der Dualen Ausbildung gehört die Verbesserung der Infrastruktur für alle Verkehrsträger dazu. Bei der Digitalisierung muss sich viel tun, sowohl in den Ämtern als auch bei den Betrieben. Und auch die Transformation zur Klimaneutralität möchte ich für unsere Wirtschaft auf landespolitischer Ebene begleiten. Außerdem setze ich mich für zukunftsfähige Innenstädte in ganz Hessen ein.
Die Fragen stellte Daniel Schleidt.
Die Stimme der Wirtschaftskammern

Kirsten Schoder-Steinmüller steht seit Anfang Dezember an der Spitze des Hessischen Industrie- und Handelskammertages (HIHK), der Dachorganisation der zehn Industrie- und Handelskammern in Hessen, die mehr als 400 000 hessische Unternehmen aller Größen und Branchen repräsentiert. Die Unternehmerin leitet die Firma Schoder, einen Metallverarbeitungsbetrieb in Langen, der unter anderem industrielle Stempel und Gravuren anfertigt. Seit 2017 ist sie die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Offenbach und . Von der HIHK-Mitgliederversammlung wurde sie einstimmig als Nachfolgerin von Eberhard Flammer für die nächsten zweieinhalb Jahre zur neuen Präsidentin gewählt, zuvor war sie bereits Vizepräsidentin des Dachverbands.
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